Ben Gurion: Gr√ľndungsvater des Staates Israel

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Ben Gurion: Gr√ľndungsvater des Staates Israel
Ben Gurion: Gr√ľndungsvater des Staates Israel
 
Die Entstehungsgeschichte des Staates Israel, der politische und milit√§rische Kampf um seine Gr√ľndung sowie die Konsolidierungsphase in den ersten 15 Jahren seiner Existenz, ist eng mit der Pers√∂nlichkeit David Ben Gurions verbunden. Sowohl im Bewusstsein seines Volkes als auch in der geschichtlichen Bewertung wird er ‚ÄĒ mit gro√üer Berechtigung ‚ÄĒ als der Gr√ľndungsvater dieses Staates und als ein Staatsmann von herausragender Bedeutung geachtet.
 
 Der junge Zionist
 
Geboren wurde er als David Gruen am 16. Oktober 1886 in Plonsk, einer polnischen Stadt, die damals noch ein Teil des zaristischen Russlands war. Sein Vater, Awigdor, einer der F√ľhrer des Chovevei Zion ‚ÄĒ die Liebenden von Zion ‚ÄĒ in dieser Stadt, hatte seinen Sohn im nationalen Sinne erzogen. Der Zionismus Ben Gurions ‚ÄĒ wie er sich sp√§ter im Zuge der Hebr√§isierung seines Namens nannte ‚ÄĒ war f√ľr ihn stets eine Verpflichtung und nicht nur ein Lippenbekenntnis. Er zog daraus die Konsequenzen, wanderte 1906 nach Pal√§stina aus, damals noch eine Provinz des Osmanischen Reiches. Die Einwanderung f√ľr Einzelpersonen und kleine Gruppen war in dieser Zeit noch m√∂glich, wenn auch das Ziel, das von Theodor Herzl auf dem ersten Kongress der Zionisten 1897 in Basel angesprochen worden war, in Pal√§stina eine Heimst√§tte f√ľr das j√ľdische Volk zu schaffen, noch in weiter Ferne lag. Ben Gurion trat dem ¬ĽHaschomer¬ę (¬ĽDer W√§chter¬ę) bei, einer Schutzorganisation, die von Juden, die bereits in Pal√§stina eingewandert waren, gegr√ľndet worden war; er arbeitete in den j√ľdischen Kolonien und war trotz seiner jungen Jahre bald ein f√ľhrendes Mitglied der Partei ¬ĽPoalei Zion¬ę ‚ÄĒ Die Arbeiter von Zion. Innerhalb der Juden Pal√§stinas wuchs er allm√§hlich zu einer Pers√∂nlichkeit von Bedeutung heran. W√§hrend des Ersten Weltkriegs begriff Ben Gurion, dass die Tage der t√ľrkischen Herrschaft √ľber Pal√§stina gez√§hlt seien. Vor dem Krieg hatte er noch die Hoffnung gehegt, dass es im Rahmen des Osmanischen Reiches m√∂glich sein w√ľrde, f√ľr die Juden eine Autonomie zu erwirken. Deshalb begann er sogar in Konstantinopel, t√ľrkisches Recht zu studieren. Aber als Realist ‚ÄĒ ein Wesenszug, der ihn pr√§gte ‚ÄĒ sah er von Anfang an die Umw√§lzung, die dieser Krieg mit sich bringen w√ľrde, voraus. Die T√ľrken, die die √Ąnderung seiner Haltung sp√ľrten, haben ihn, zusammen mit Izhak Ben Zwi, der sp√§ter der zweite Pr√§sident des Staates Israel werden sollte, im April 1915 nach √Ągypten deportiert. Von dort ging Ben Gurion nach Amerika, wo er zu einem der Initiatoren des hebr√§ischen Bataillons wurde. Es war eines von zwei hebr√§ischen Bataillons ‚ÄĒ das zweite entstand in England ‚ÄĒ, die w√§hrend des Krieges in der britischen Armee an der Pal√§stinafront eingesetzt wurden. Das amerikanische Bataillon setzte sich aus Freiwilligen ‚ÄĒ Juden mit zionistischer Gesinnung ‚ÄĒ zusammen. Als Korporal erreichte Ben Gurion im Juli 1918 Pal√§stina und nahm dort an den Endk√§mpfen teil.
 
 Der Aufbau vorstaatlicher Strukturen in Palästina nach dem Ersten Weltkrieg
 
Am 2. November 1917 verk√ľndete die britische Regierung die ¬ĽBalfour-Erkl√§rung¬ę, in der ‚ÄĒ wenn auch in einer verklausulierten Sprache ‚ÄĒ den Juden die Unterst√ľzung f√ľr die Gr√ľndung eines Nationalheims in Pal√§stina ‚ÄĒ dessen Grenzen allerdings noch nicht feststanden ‚ÄĒ zugesichert wurde. England hatte w√§hrend des Ersten Weltkrieges Pal√§stina und andere arabische L√§nder von den T√ľrken erobert und erhielt sp√§ter (1922) Pal√§stina vom V√∂lkerbund als Mandatsgebiet zugesprochen. ¬ĽPal√§stina¬ę umfasste nach der mandatorischen Definition des V√∂lkerbundes im Wesentlichen das Gebiet des heutigen Israel und der Westbank. Mit der Errichtung des Pal√§stinamandates wurde in diesem Raum eine neue politische, soziale und gesellschaftliche Wirklichkeit geschaffen.
 
Ben Gurion amtierte von 1921 bis 1935 als Generalsekret√§r der Gewerkschaft ¬ĽHistadrut¬ę. Die Histadrut hatte eine tiefere Dimension: Sie sollte auch eine Mitgestalterin einer neuen Gesellschaft sein, und zwar durch die ausgedehnte Besiedlungsarbeit, die sie f√∂rderte, durch die Schaffung von Industrie- und Baukonzernen sowie der ¬ĽSolel Bone¬ę. All das hatte zur Folge, dass eine ¬Ľvorstaatliche¬ę Infrastruktur entstand, die es Ben Gurion sp√§ter erm√∂glichte, am 14. Mai 1948 den ersehnten Staat Israel zu proklamieren, wobei die Histadrut eine der Fundamente dieses Staates in der Phase seines Entstehens war. Die Histadrut musste in den ersten Jahren ihres Bestehens auch Aufgaben √ľbernehmen, die in einer ¬Ľnormalen¬ę Gesellschaft nat√ľrlich nichts mit gewerkschaftlicher T√§tigkeit zu tun haben: besonders die Unterhaltung und Unterst√ľtzung der ¬ĽHagana¬ę (¬ĽVerteidigung¬ę), der paramilit√§rischen Schutzorganisation der Juden Pal√§stinas, nachdem sich der ¬ĽHaschomer¬ę anfangs der 20er-Jahre aufgel√∂st hatte. Die meisten Mitglieder der Hagana waren auch mit der Histadrut verbunden. Trotz der Beschr√§nkungen seitens der britischen Regierung wurden in den Unternehmungen der Histadrut Waffen und Munition produziert und in ihrem Rahmen Geheimdienstaktivit√§ten entfaltet.
 
Die Gesellschaft in Pal√§stina war demokratisch, in ihrem Wesen und ihren Institutionen musste sie stets durch die W√§hler legitimiert werden. 1930 hatte Ben Gurion ma√ügeblichen Anteil an der Gr√ľndung der Mapai, einer Partei, die bald zur st√§rksten innerhalb der Histadrut und der anderen Institutionen wurde. Die Linie, die Ben Gurion als Generalsekret√§r der Histadrut und als f√ľhrendes Mitglied der Mapai einschlug, war bestimmt von den Ideen des reformorientierten Fl√ľgels der Sozialdemokratie in Europa, nat√ľrlich unter Ber√ľcksichtigung der Besonderheit j√ľdischen Lebens und zionistischer Ziele in Pal√§stina. Dies kam auch in einem seiner grundlegenden Werke ‚ÄĒ ¬ĽMimamed Leam¬ę ‚ÄĒ Von einer Klasse zu einem Volk ‚ÄĒ von 1933 zum Ausdruck. Mapai lehnte die Idee des Klassenkampfes, die bei den linken Parteien innerhalb des Zionismus ma√ügeblich war, ab. Infolge des Erstarkens seiner Partei wurde Ben Gurion 1935 zum Pr√§sidenten der Zionistischen Exekutive und der Exekutive des Jewish Agency gew√§hlt. Die Regierung lag in den H√§nden der Briten. Entsprechend den Statuten des Mandats war Gro√übritannien aber verpflichtet, eine j√ľdische Regierung aufzubauen. Die Zionistische Bewegung und ihre Institutionen, vor allem die Jewish Agency, repr√§sentierten noch die nationalen Institutionen ‚ÄĒ der ¬ĽRat der Gew√§hlten¬ę ‚ÄĒ aus dessen Mitte der ¬ĽNationalrat¬ę entstand. Diese Institutionen umfassten nur jene Juden, die Einwohner Pal√§stinas waren. Nirgends gab es klare Definitionen und Abgrenzungen von Befugnissen; diese Unklarheiten kamen dem pragmatischen Ben Gurion sehr gelegen, der darauf bedacht war, w√§hrend des Mandats durch Einwanderung, Besiedlung und Industrialisierung dem Zionismus eine reale Macht zu schaffen ‚ÄĒ teilweise mit, teilweise ohne Zustimmung der britischen Verwaltung. Seine Partei, die Mapai, war seit den Wahlen von 1933 die st√§rkste Partei im Zionistischen Kongress geworden und auch ‚ÄĒ je nach Wahlergebnissen ‚ÄĒ die st√§rkste Partei in den nationalen Institutionen in Pal√§stina. In der Histadrut hatte sie die absolute Mehrheit. Das f√ľhrte dazu, dass alle Institutionen praktisch an einem Strang zogen und durch die oft informellen Einvernehmlichkeiten Kompetenz-streitigkeiten vermieden wurden. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Zionistischen Exekutive war Ben Gurion auch nominell zweiter Mann in der Zionistischen Bewegung geworden ‚ÄĒ nur der Pr√§sident der Bewegung, Chaim Weizman (1874‚ÄĒ1952), hatte einen h√∂heren Rang als er, aber allm√§hlich wurde es deutlich, dass der eigentliche F√ľhrer Ben Gurion hie√ü. Ab 1935 sp√ľrte man bei Ben Gurion eine neue Haltung, die sich allerdings auch schon vorher bemerkbar gemacht hatte ‚ÄĒ er erachtete sich als nationaler und nicht prim√§r als Arbeiterf√ľhrer. Er √ľbertrug die Verantwortung f√ľr die Schutzorganisation ¬ĽHagana¬ę von der Histadrut zum Jewish Agency und amtierte praktisch auch als Sicherheitsminister des Jischuws ‚ÄĒ die j√ľdische Gemeinde in der vorstaatlichen Zeit. Ein Teil der Histadrut-Mitglieder ‚ÄĒ vor allem die Gruppe um Izhak Tabenkin und die Kibbuzbewegung ‚ÄĒ sahen darin eine Relativierung der Rolle der Histadrut, aber Ben Gurion setzte sich durch.
 
Die Opposition von rechts, die f√ľr Ben Gurion zu einer Herausforderung wurde, hat vor allem Vladimir Jabotinsky artikuliert. Dieser war eine respektable Pers√∂nlichkeit, die zusammen mit Chaim Weizman im Ersten Weltkrieg f√ľr die Erreichung der Balfour-Erkl√§rung und vor allem f√ľr die Gr√ľndung der hebr√§ischen Bataillone gek√§mpft hatte. Auch er war ein Mitglied der Zionistischen Exekutive gewesen. Allerdings, als England 1922 Transjordanien, das urspr√ľnglich ‚ÄĒ nach den Entw√ľrfen von 1920 ‚ÄĒ ein Teil des Mandats √ľber Pal√§stina war, abtrennte und dort ein Emirat von Transjordanien gr√ľndete, trat Jabotinsky aus der Zionistischen Exekutive aus. Er gr√ľndete 1925 die Revisionistische Bewegung. Ben Gurion lehnte seinerseits auf dem Zionistischen Kongress 1931 die Forderung Jabotinskys ab, die Schaffung eines j√ľdischen Staates zu beiden Seiten des Jordans als ¬ĽEndziel¬ę des Zionismus zu proklamieren. Ben Gurion vor allem erkannte sehr fr√ľh, dass nur eine Teilung des Landes m√∂glicherweise den Konflikt mit den Pal√§stinensern entsch√§rfen konnte. Obwohl von Wahl zu Wahl die Partei Jabotinskys wuchs, hat er ‚ÄĒ was sicherlich un√ľberlegt war ‚ÄĒ 1935 einen entscheidenden Fehler begangen: Er trat aus der Zionistischen Bewegung aus, weil diese seine Ziele nicht teilte, und gr√ľndete die ¬ĽNeue Zionistische Organisation¬ę. Auf diese Weise isolierten sich die Revisionisten selbst, erst 1946 kehrten sie in die Zionistische Bewegung zur√ľck. Sie blieben stets, weil sie eine betr√§chtliche Anh√§ngerschaft ‚ÄĒ sowohl in der Diaspora, als auch in Pal√§stina ‚ÄĒ hatten, f√ľr Ben Gurion eine ernst zu nehmende Opposition und forderten seine F√ľhrerschaft oft heraus.
 
Ben Gurions √úberzeugung, dass nur die Teilung des Mandatsgebietes eine m√∂gliche L√∂sung des nationalen Konflikts mit sich bringen k√∂nne, vertiefte sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und dem Erstarken des Antisemitismus in Mittel- und Osteuropa. Es begann eine betr√§chtliche Einwanderung von Juden aus Deutschland. Trotz der Einschr√§nkungen der mandatorischen Regierung gelangten 1935 um die 60 000 deutsche Juden nach Pal√§stina, und es folgten noch andere. Der Jischuw wurde, vor allem was seine Wirtschaft und seine technisch industriellen Kapazit√§ten anging, zu einem nicht zu ignorierenden Faktum. Z√§hlte dieser Jischuw 1931 nur 175 000 Menschen, so waren es 1939 bereits 400 000 Juden gegen√ľber etwa 1,2 Millionen Araber in Pal√§stina. Diese Einwanderung verst√§rkte den pal√§stinensischen Nationalismus, der vom Mufti von Jerusalem gef√ľhrt und artikuliert wurde. Im Sommer 1936 begann jener Generalstreik der Pal√§stinenser, der sehr bald zu einem Aufstand heranwuchs mit dem Ziel, die j√ľdische Einwanderung zu verhindern, auf lange Sicht, die zionistische T√§tigkeit in Pal√§stina r√ľckg√§ngig zu machen. Im Gegensatz zu den Ausschreitungen von 1921 und 1929 hatten ‚ÄĒ auch wegen der zugespitzten internationalen Lage ‚ÄĒ diesmal die Ereignisse in und um Pal√§stina regionale und internationale Dimensionen. Die britische Mandatsmacht war einerseits darauf bedacht, die Araber zu befriedigen, konnte aber andererseits die Juden nicht mehr ignorieren. Sie setzten eine Untersuchungskommission ein, deren Vorsitzender Lord Peel war. Diese Kommission gelangte 1937 zu der Schlussfolgerung, dass nur eine Teilung Pal√§stinas den Konflikt entsch√§rfen konnte. Die Grenzen des anvisierten J√ľdischen Staates waren sehr eng gezogen, dennoch pl√§dierte Ben Gurion f√ľr die Annahme des Planes. Er tat dies auch im Hinblick auf die bedr√§ngten Juden in Europa. Er wusste, dass nur ein ‚ÄĒ und sei es noch so kleiner ‚ÄĒ souver√§ner j√ľdischer Staat den Juden der Diaspora wirksam helfen konnte. Seine Tagebucheintragungen sowie auch interne und √∂ffentliche √Ąu√üerungen aus der Zeit 1937‚ÄĒ39 verdeutlichen, dass er sich der Gefahr f√ľr die Juden sehr bewusst war. Im November 1937 lehnten die Araber den Peel-Plan ab, die Unruhen flackerten nunmehr erneut auf, und die Briten verk√ľndeten das, was sie als ¬ĽAusweg¬ę erachteten, im Mai 1939 in einem Wei√übuch: Die j√ľdische Einwanderung sollte f√ľr die kommenden f√ľnf Jahre auf 75 000 Menschen beschr√§nkt sein. Nachher sollte ein Volksentscheid der Bewohner Pal√§stinas ‚ÄĒ Juden und Araber ‚ÄĒ √ľber die zuk√ľnftige Entwicklung befinden. Aber dieses ¬Ľnachher¬ę bekam eine unvorhersehbare Wendung, denn am 1. September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus.
 
¬†Der Kampf f√ľr den j√ľdischen Staat im Zweiten Weltkrieg
 
Das Wei√übuch ‚ÄĒ noch mehr die Verordnung vom Februar 1940 ‚ÄĒ die es den Juden praktisch unm√∂glich machte, Grund und Boden in Pal√§stina zu erwerben, verdeutlichten die britischen Intentionen ‚ÄĒ die Araber zu beschwichtigen, um sie nicht in die Arme Hitlers und Mussolinis zu treiben. Ben Gurion erkannte die Ausweglosigkeit und sagte, dass die Juden an der Seite Englands k√§mpfen w√ľrden, als ob es kein Wei√übuch g√§be, und sie w√ľrden gegen das Wei√übuch k√§mpfen, als ob es keinen Krieg gegen Hitler g√§be. Ben Gurion war vielmehr bestrebt, innerhalb der britischen Armee j√ľdische Brigaden aufzustellen: ein Ziel, das erst 1944 erreicht wurde. Diese Brigaden nahmen an den K√§mpfen an der italienischen Front teil. Ben Gurion f√∂rderte den Beitritt freiwilliger Jugendlicher aus Pal√§stina in die britische Armee. Sein tiefer gehender Gedanke war es, dass die milit√§rischen Erfahrungen, die diese Jugendlichen im Rahmen der modernen britischen Armee erwerben w√ľrden, nach dem Krieg f√ľr die Gr√ľndung eines Staates nur von Nutzen sein k√∂nnten. Ben Gurion erkannte 1939 ‚ÄĒ √§hnlich wie er es 1914 erkannte ‚ÄĒ, dass dieser Krieg gro√üe Umw√§lzungen mit sich bringen werde. Er hegte eine starke Sympathie und Bewunderung f√ľr den Mut des britischen Volkes. Aber er begriff auch, dass England nach dem Kriege nicht mehr die Weltmacht sein w√ľrde, die sie vorher gewesen war. Zunehmend wandte er seine Aufmerksamkeit und Orientierung Amerika zu.
 
Das kam auch im ¬ĽBiltmore-Programm¬ę zum Ausdruck: Im New Yorker Hotel ¬ĽBiltmore¬ę fand zwischen dem 9. und 11. Mai 1942 die Konferenz der amerikanischen Zionisten statt, die, bedingt durch die Auswirkung des Krieges, als gesamtzionistische Konferenz galt. Ben Gurion, der in jenen Monaten in Amerika war, hatte diese Konferenz ‚ÄĒ sehr zum Leidwesen seines Rivalen Chaim Weizman, der zunehmend an Einfluss verlor ‚ÄĒ initiiert und folgende Forderungen oder Hoffnungen und Erwartungen zum Ausdruck gebracht. Nach dem Krieg sollte ein ¬Ľj√ľdisches Commonwealth¬ę in Pal√§stina ‚ÄĒ verbunden vor allem mit Amerika ‚ÄĒ entstehen. Die Tore Pal√§stinas sollten f√ľr eine uneingeschr√§nkte j√ľdische Einwanderung ge√∂ffnet sein. Die Jewish Agency sollte die Regierung des Landes werden. Diese Beschl√ľsse wurden mit Bedacht und in vager Form formuliert, jeder verstand jedoch die wahre Intention. Gemeint war ein J√ľdischer Staat in Erez Israel ‚ÄĒ keineswegs ganz Erez Israel als ein J√ľdischer Staat. Die Grenzen wurden nicht umrissen und auch die zuk√ľnftigen Beziehungen zu den Arabern nicht angesprochen. Alles blieb vage und deutlich zugleich. ¬ĽBiltmore¬ę f√ľhrte zu sch√§rferen innerj√ľdischen Auseinandersetzungen und war 1944 einer der Anst√∂√üe zur Spaltung der Mapai.
 
Bereits im November 1942 verf√ľgte Ben Gurion √ľber verl√§ssliche Informationen √ľber die Wannseekonferenz und √ľber die Pl√§ne der Nazis, systematisch das j√ľdische Volk auszurotten. W√§hrend einer √∂ffentlichen Kundgebung, die vom ¬ĽRat der Gew√§hlten¬ę am 30. Dezember 1942 organisiert wurde, verlas er in Jerusalem im Namen der Juden Pal√§stinas seinen ¬ĽAufruf an das Gewissen der Welt¬ę. Er wandte sich dabei eindringlich an Roosevelt, Churchill und Stalin. Er verlangte von den Alliierten, die Deutschen vor der Ver√ľbung von Kriegsverbrechen zu warnen. Er hoffte, auf diese Weise den inneren Widerstand in Deutschland gegen Hitler zu st√§rken. All das war aber vergeblich. Die britische Zensur verbot sogar, seinen Aufruf zu ver√∂ffentlichen. Vielmehr achteten die Briten darauf, die j√ľdische Einwanderung zu unterbinden. Nicht nur die Tore Pal√§stinas, auch die H√§fen anderer L√§nder blieben f√ľr die Juden verschlossen. Die wenigen M√∂glichkeiten, die der Jischuw hatte, Juden zu retten, nahmen Ben Gurion und die Jewish Agency wahr, ohne den Holocaust verhindern zu k√∂nnen. Am 8. Mai 1945, dem Tage des Sieges der Anti-Hitler-Koalition, notierte Ben Gurion in sein Tagebuch: ¬ĽEin sehr trauriger Tag.¬ę Das J√ľdische Volk hatte keinen Grund zu feiern. Es geh√∂rte nicht zu den Siegern sondern nur zu den Geschlagenen. Nur ein Rest war geblieben. Aber fortan wollte Ben Gurion mit diesem Rest und f√ľr diesen Rest den j√ľdischen Staat gr√ľnden.
 
In England l√∂ste nach dem Ende des Krieges eine Labour-Regierung, die von Clement Attlee und seinem Au√üenminister Ernest Bevin gef√ľhrt wurde, die Regierung Churchill ab. Die Hoffnungen vieler Juden, die diese in die Labour-Regierung gesetzt hatten, erf√ľllten sich nicht. Es kam sogar zu einer Verh√§rtung des Verh√§ltnisses zwischen England und dem Zionismus. Bevin versuchte die Einwanderung zu unterbinden und lehnte die Vorschl√§ge zur Gr√ľndung eines J√ľdischen Staates ab, um die Beziehungen zwischen England und den Arabern nicht zu gef√§hrden. Ben Gurion begriff, dass es an der Zeit war, den Kampf gegen England aufzunehmen. Zwischen Oktober 1945 und Juli 1946 koordinierte er die ¬ĽBewegung des hebr√§ischen Aufstands¬ę. An ihm nahmen die vier paramilit√§rischen Organisationen, die innerhalb der Judenschaft in Pal√§stina existierten und die oft auch gegeneinander gek√§mpft hatten, weil sie verschiedene Ziele verfolgten, teil. Es waren die Hagana und der Palmach. Diese waren Elitesto√ütruppen, die von den Briten 1941, als die Gefahr gegeben war, dass deutsche Truppen Pal√§stina erobern w√ľrden, gegr√ľndet wurden. Als die Gefahr, von den deutschen Truppen unter Rommel erobert zu werden, gebannt war, versuchten die Briten, den Palmach aufzul√∂sen. Ein Vorhaben, das ihnen aber misslang. Der Palmach rekrutierte seine Mitglieder aus dem aktivistischen Teil der Arbeiterbewegung und der Kibbuzim. Er war mit der Hagana liiert und stand auf latente Weise in einer Opposition zu ihr. Ebenfalls operierte im Jischuw der Etzel, die national milit√§rische Organisation, die der revisionistischen Partei nahe stand und seit 1943 von Menachem Begin gef√ľhrt wurde, und es gab noch den Lehi (Die K√§mpfer f√ľr die Freiheit Israels), der von Izhak Schamir gef√ľhrt wurde. Die Briten machten neue Vorschl√§ge, die aber den Gedanken zur Gr√ľndung eines j√ľdischen Staates verwarfen. Ben Gurion k√§mpfte weiter. Im April 1947 gab Bevin bekannt, dass England die Pal√§stinafrage der UNO √ľbertr√§gt. Die UNO setzte eine Untersuchungskommission ein, die eine Teilung als Ausweg vorschlug ‚ÄĒ in Pal√§stina sollte ein J√ľdischer und ein pal√§stinensischer Staat entstehen. Die Sowjetunion und somit der Ostblock unterst√ľtzten diesen Plan in der Debatte und bei der Abstimmung in der UNO am 29. November 1947. Ben Gurion gab im Namen der ma√ügeblichen politischen Kr√§fte der Juden Pal√§stinas bekannt, dass der Jischuw diesen Plan akzeptiert. Er traf dabei allerdings auf die Opposition des Etzels und Lehis, die einen Staat zu beiden Seiten des Jordans forderten; Vorbehalte gab es auch innerhalb des Palmachs.
 
 Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels
 
Ben Gurion wurde am 18. April 1948 zum Vorsitzenden des Volksrates, der als provisorische Regierung amtierte, ernannt. Er behielt auch die Zust√§ndigkeit f√ľr die Sicherheit. Seine Ernennung war die nominelle Best√§tigung all dessen, was er praktisch seit 1935 war ‚ÄĒ der Regierungschef und Sicherheitsminister des im Werden begriffenen Staates. Seine Partei war im Volksrat die st√§rkste, war jedoch auf eine Koalition mit anderen Gruppen angewiesen. Gleichwohl ‚ÄĒ auf seine Partei und auf ihn als Person kam es an. Ben Gurion verwarf alle (auch von den USA gef√∂rderten) Pl√§ne zur Verschiebung der Staatsgr√ľndung. Er wurde von der Gewissheit getragen ‚ÄĒ ¬Ľjetzt oder niemals¬ę. Am 14. Mai 1948, als der britische Mandatsvertrag erloschen war und die Briten ihre letzten Soldaten aus dem Land abgezogen hatten, verlas er im Stadtmuseum die Proklamation √ľber die Gr√ľndung des Staates Israel, allerdings, ohne die Grenzen von 1947 und den Teilungsplan zu erw√§hnen.
 
Einen Tag nach der Proklamation brach der Krieg aus, der diesmal regionale, sogar internationale Dimensionen annahm. √Ągypten, Irak, Jordanien, Syrien und der Libanon waren mit Israel im Krieg ‚ÄĒ die Beteiligung anderer arabischer Staaten war eher von symbolischer Natur. In der ersten Phase erzielten die arabischen Armeen betr√§chtliche Erfolge, √§gyptische Kolonnen standen bereits 25 Kilometer s√ľdlich Tel Avivs ‚ÄĒ die jordanische Armee hielt gro√üe Teile der Westbank besetzt. Aber Israel war ab dem 15. Mai 1948 ein souver√§ner Staat mit allen M√∂glichkeiten, die dies mit sich brachte. Ben Gurion hatte eine moderne Armee auf die Beine gestellt, die sehr bald etwa 90 000 Soldaten umfasste; aus der Tschechoslowakei, wie auch aus anderen L√§ndern, kamen vor allem Waffen, Flugzeuge und andere Ger√§te nach Israel, die sofort an der Front eingesetzt wurden. Schon am 22. Mai wurde der Vormarsch der √§gyptischen Armee gestoppt. Am 11. Juli 1948 wurde eine einmonatige Feuerpause vereinbart.
 
W√§hrend der zweiten Phase des Unabh√§ngigkeitskrieges, der bis Januar 1949 andauerte, wandte sich das Blatt zugunsten der Israelis. Ben Gurion bremste allerdings w√§hrend dieser Phase eher die Armee, als dass er sie anspornte. Er lie√ü K√∂nig Abd Allah Ibn al-Husain von Jordanien jene Teile der Westbank, die entsprechend des UNO-Plans zu dem geplanten pal√§stinensischen Staat geh√∂ren sollten, besetzen. Im Dezember 1948 stand die israelische Armee in El Arisch auf √§gyptischen Territorien im Sinai, jenseits der internationalen Grenze. Infolge eines britischen Ultimatums vom 30. Dezember 1948 und amerikanischen Drucks, zwei Problemen, die f√ľr Ben Gurion fast gelegen kamen, befahl Ben Gurion die R√§umung √§gyptischer Territorien. Dabei nahm er die Auseinandersetzung mit Ygal Allon, dem ehemaligen Kommandeur des Palmachs, der diesen Frontabschnitt befehligte und die R√§umung f√ľr √ľbereilt hielt, in Kauf. Ebenso lehnte er die Forderung Begins und der von diesem 1948 gegr√ľndeten Cherut Partei ab, die Westbank zu erobern. Israel in den Waffenstillstandslinien von 1949 war um ein Drittel gr√∂√üer, als im urspr√ľnglichen Teilungsplan vorgesehen. Ben Gurion hoffte, dass die Probleme der entstandenen Pal√§stinafl√ľchtlinge nun lokalisiert und von Jordanien gel√∂st werden konnten. Er kam der Forderung der Amerikaner, M√§√üigung an den Tag zu legen, nach, auch mit dem Ziel, auf lange Sicht mit Amerika und auch England gute Beziehungen zu unterhalten. Ihm gelang es auch ‚ÄĒ innenpolitisch ‚ÄĒ alle paramilit√§rischen Verb√§nde aus der Mandatszeit aufzul√∂sen und in einer einheitlichen Armee ‚ÄĒ der Zahal ‚ÄĒ zu integrieren. Bei den ersten Wahlen zur Knesset ‚ÄĒ dem israelischen Parlament ‚ÄĒ im Januar 1949, gewann seine Partei 46 von 120 Sitzen. Er vereinbarte eine Koalition mit den Religi√∂sen und der Liberalen Partei (Die Progressiven). Er strebte die Integration der neuen Einwanderer, sowohl aus den Displaced-Persons-Lagern in Europa als auch aus den L√§ndern des Orients, an. Er setzte auf Konsolidierung und hoffte auch, dass die Araber dieses Israel anerkennen werden.
 
Im Dezember 1953, aller Wahrscheinlichkeit nach infolge hochgradiger Ersch√∂pfung, trat Ben Gurion von seinem Amt als Regierungschef und Sicherheitsminister zur√ľck und siedelte nach Sede Boker, einem Kibbuz im Negev, √ľber. Er setzte die Ernennung von Moshe Dayans als Oberbefehlshaber der Armee und von Pinchas Lavon als Sicherheitsminister durch. Regierungschef, der zugleich auch als Au√üenminister amtierte, wurde Moshe Scharett.
 
 Die Sicherung des Staates Israel
 
Infolge einer gescheiterten Sabotage- und Spionageunternehmung in √Ągypten, die sp√§ter von den Israelis w√§hrend der ¬ĽLavon-Aff√§re¬ę als ¬ĽDas Fiasko¬ę bezeichnet wurde, trat Lavon von seinem Amt zur√ľck und Ben Gurion wurde erneut, im Februar 1955, Sicherheitsminister; Regierungschef blieb jedoch Moshe Scharett. Einige Tage, nachdem er wieder ernannt wurde, genehmigte Ben Gurion einen gro√ü angelegten Vergeltungsschlag im Gazastreifen, in dessen Verlauf mehrere √§gyptische Soldaten get√∂tet wurden. Nasser wandte sich an den Ostblock und vereinbarte im Herbst 1955 ein gro√ües Waffenabkommen mit der Tschechoslowakei. In Israel wurde nach den Wahlen vom November 1955, bei denen die Mapai herbe Verluste hinnehmen musste, eine neue Koalitionsregierung mit Ben Gurion als Regierungschef und Sicherheitsminister gebildet. Fortan richtete dieser seine Bem√ľhungen auf das Ziel, Nasser zu st√ľrzen. Moshe Scharett, der nicht in seinem Sinne dachte, wurde im Juli 1956 aus dem Kabinett gedr√§ngt und an seiner Stelle Golda Meir zur Au√üenministerin berufen.
 
Nachdem Nasser im Juli 1956 den Suezkanal verstaatlicht hatte und zunehmend die algerische Rebellion gegen die Herrschaft Frankreichs unterst√ľtzte, erkannte Ben Gurion, dass es ‚ÄĒ aus unterschiedlichen Motiven ‚ÄĒ ein gemeinsames Interesse zwischen seinem Land, Paris und London gab: den Sturz Nassers. Ein Plan, der dieses Ziel verfolgte, wurde vereinbart: Am 29. Oktober 1956 eroberten israelische Fallschirmj√§ger den Mittlapass im Sinai. Binnen einer Woche brachte die israelische Armee fast die gesamte Sinaihalbinsel unter ihre Kontrolle. Gleichzeitig landeten franz√∂sische und britische Streitkr√§fte in der Suezkanalzone. Die Unternehmung scheiterte jedoch. Nasser wurde nicht nur nicht gest√ľrzt, sondern er ging aus diesem Krieg sogar politisch gest√§rkt hervor. Es folgte am 7. Dezember 1956 ein sowjetisches Ultimatum sowohl an Israel als auch an England und Frankreich. Auch die Amerikaner dr√§ngten auf R√§umung sowohl der Suezkanalzone als auch der Halbinsel Sinai. Trotz innerer Widerst√§nde vor allem seitens der Cherut Partei kam Ben Gurion bis M√§rz 1957 dieser Forderung nach. In Israel begann nun eine √Ąra relativer Ruhe an den Grenzen, vor allem die √Ąra gro√üen Aufbaus. Die Wiedergutmachungsabkommen begannen wirksam zu werden. Es begann eine Zeit der Prosperit√§t und Zuversicht. Bei den Wahlen zur 4. Knesset, am 3. November 1959, erreichte Ben Gurion den Zenit seines Ansehens und seiner Macht. Seine Partei f√ľhrte den Wahlkampf unter dem Motto: ¬ĽSagt dem Alten Ja¬ę. Die Mapai, die bei den Wahlen von 1955 nur 40 Mandate errungen hatte, erhielt diesmal 48 Mandate ‚ÄĒ eine St√§rke, die sie niemals mehr erreichte. Von diesem Zeitpunkt an war Ben Gurions Ansehen einem zunehmenden Verfall ausgesetzt.
 
Pinchas Lavon, der seit seinem R√ľcktritt aus dem Sicherheitsministerium im Februar 1955 als Generalsekret√§r der Histadrut amtierte, wendete sich 1960 an Ben Gurion und verlangte mit Hinweis auf neue Beweise von ihm die Rehabilitation seines Namens. Ben Gurion weigerte sich, worauf dieser sich an Presse und √Ėffentlichkeit wandte. Ben Gurion, der seine Meinung oft √§nderte, geriet zunehmend in die Defensive. Die Regierung setzte eine Untersuchungskommission ein, die am 25. Dezember 1960 zu der Schlussfolgerung gelang, dass Lavon von einer Verantwortung freizusprechen sei. Ben Gurion weigerte sich jedoch, dies zu akzeptieren, trat am 31. Januar 1961 aus seinem Amt zur√ľck und amtierte bis zu den vorgezogenen Wahlen am 15. August 1961 als Chef einer √úbergangsregierung. Nach den Wahlen, bei denen seine Partei geschw√§cht wurde, amtierte er erneut als Ministerpr√§sident und Sicherheitsminister. Er forcierte, zun√§chst mit franz√∂sischer Hilfe, dann aus eigener Kraft, die atomare Industrie seines Landes, was zu Spannungen mit den USA unter Pr√§sident J. F. Kennedy f√ľhrte und auch in Israel selbst umstritten war. Zunehmend jedoch machte sich Impulsivit√§t und Unausgewogenheit in Ben Gurions Handeln und Reagieren bemerkbar. Man vermisste die N√ľchternheit und Stetigkeit, die f√ľr ihn so bezeichnend gewesen waren. Am 17. Juni 1963 trat er, v√∂llig unerwartet und auch nicht zwingend, von seinem Amt zur√ľck und ging wiederum nach Sede Boker. Der langj√§hrige Finanzminister, Levi Eschkol, wurde sein Nachfolger.
 
 Deutschlandbild und Deutschlandpolitik
 
Eine pr√§gende Wirkung hatte Ben Gurion auf die deutsch-israelischen Beziehungen. Sehr fr√ľh sah er die Entwicklung in Europa nach dem Krieg voraus. Er glaubte, dass die Bundesrepublik Deutschland ein neues, demokratisches Deutschland sein werde, das in Frieden mit seinen Nachbarn lebt. Er hegte niemals Hass gegen das deutsche Volk, sondern nur gegen die Nationalsozialisten. Zusammen mit Nahum Goldmann leitete er die Verhandlungen mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und stellte die Forderung des j√ľdischen Volkes und Israels ‚ÄĒ als Staat der √úberlebenden ‚ÄĒ nach Wiedergutmachung.
 
Ihm kam sehr zugute, dass Adenauer die moralischen Dimensionen des Problems erkannte. Trotz innerer Widerst√§nde seitens der rechten und linken Parteien ‚ÄĒ eine Ablehnung, die Israel an den Rand eines B√ľrgerkriegs brachte ‚ÄĒ setzte Ben Gurion im Januar 1952 die Wieder-gutmachungsverhandlungen im Parlament durch. Er weitete die Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland aus und √ľberstand mehrere Regierungskrisen, als infolge von Indiskretionen 1957 und 1959 bekannt wurde, dass Israel auch im milit√§rischen Bereich mit der Bundesrepublik Deutschland kooperierte. Im M√§rz 1960 kam es zu der historischen und zukunftsweisenden Begegnung zwischen Adenauer und Ben Gurion in New York. Weitere Kooperationen auf kulturellem, technischem und wissenschaftlichem Gebiet wurden vereinbart ‚ÄĒ die Bundesrepublik Deutschland f√∂rderte auch die Urbarmachung des Negevs. Ben Gurion hatte nat√ľrlich auch aus pragmatischen Gr√ľnden an der Wiedergutmachung Interesse gehabt, um die √úberlebenden in Israel integrieren zu k√∂nnen. Er hatte auch dar√ľber hinaus au√üenpolitische Gr√ľnde: Er wollte die Abh√§ngigkeit seines Landes von Amerika reduzieren und Israel mit deutscher Unterst√ľtzung Europa n√§her bringen. Mit seiner ausgestreckten Hand wollte er auch den Deutschen helfen ‚ÄĒ moralisch, politisch, ideengeschichtlich ‚ÄĒ, die Werte der Demokratie zu verinnerlichen. Deutschland solle nicht isoliert bleiben, sondern im Gegenteil seinen geachteten Platz in der V√∂lkergemeinschaft finden. Mit Konrad Adenauer verband ihn zugleich auch die Ablehnung des Kommunismus und des Totalitarismus. Die Vergangenheit sollte nicht vergessen werden ‚ÄĒ der Eichmann-Prozess 1960‚ÄĒ1961 hat dies verdeutlicht ‚ÄĒ, aber Ben Gurion wollte in seiner Politik stets zukunftsorientiert sein.
 
Die Beziehungen beider L√§nder wurden getr√ľbt, nachdem 1962 bekannt geworden war, dass eine Gruppe deutscher Wissenschaftler f√ľr Nasser bakteriologische und ballistische Waffen baute. Es handelte sich meist um Wissenschaftler der zweiten Garnitur. Die Bundesrepublik Deutschland, so sehr das Ganze ihr h√∂chst ungelegen kam, konnte die Wissenschaftler nicht hindern, in √Ągypten zu arbeiten. Das Problem wurde in Israel √ľber jede Proportion hinaus aufgebauscht und wurde auch ‚ÄĒ losgel√∂st vom ¬Ľdeutschen Kontext¬ę ‚ÄĒ von Ben Gurions Widersachern in der eigenen Partei, als auch seitens der Opposition benutzt, um seine Position und sein Ansehen zu besch√§digen. Ben Gurion wusste, dass der Nutzen, den Nasser aus dem Werk der Wissenschaftler zog, nicht gro√ü war und auch, dass, gerade auf dem milit√§rischen Gebiet, die Bundesrepublik f√ľr Israel von gro√üer Bedeutung werden w√ľrde, und wollte die Beziehungen zu Bonn nicht belasten. Er konnte ‚ÄĒ teilweise auch aus Sicherheitserw√§gungen ‚ÄĒ seine Position der √Ėffentlichkeit nicht vermitteln. In Israel wurde allerdings eine Hysterie entfacht, die einer der Gr√ľnde f√ľr seinen √ľbereilten und nicht zwingenden R√ľcktritt war.
 
 Die letzten Lebensjahre
 
Im April 1964 kehrte Ben Gurion, zur √úberraschung vieler, in die Politik zur√ľck. Er forderte eine Untersuchungskommission, die die Verantwortung f√ľr den Verlauf der ¬ĽLavon-Aff√§re¬ę, in all ihren Ver√§stelungen, kl√§ren sollte. Er √§u√üerte sich abf√§llig √ľber seinen Nachfolger Eschkol und forderte seinen R√ľcktritt. Seine Partei weigerte sich, ihm politisch zu folgen, vielmehr wurde er im Juli 1965 aus seiner Partei ausgeschlossen. Daraufhin hat er eine neue Bewegung ‚ÄĒ die Rafi-Liste ‚ÄĒ gegr√ľndet, der auch Shimon Peres und Dayan beitraten. Die Linie von Rafi war nicht klar. Sie forderte mehr Staatlichkeit, Relativierung der Rolle der Histadrut, Innovationen im technisch-wissenschaftlichen Bereich und √ľberhaupt ¬Ľneue Horizonte¬ę. Bei den Wahlen im November 1965 konnte diese Partei trotz des Ansehens Ben Gurions nur 10 Mandate erringen. Als im Juni 1967, vor dem 6-Tage-Krieg, die Regierung der Nationalen Einheit gebildet wurde, trat Rafi ‚ÄĒ gegen den Willen Ben Gurions ‚ÄĒ dieser Regierung bei und Dayan wurde in ihr Verteidigungsminister. Im Januar 1968 kehrte Rafi zur Arbeiterpartei (1965 eine Vereinigung zwischen Mapai und Achdut Haavoda) zur√ľck und wurde letztlich ein Teil von ihr. Ben Gurion hat bei den Wahlen im Oktober 1969 mit einer eigenen Liste kandidiert, die nur vier Mandate errang. Er trat 1970 aus dem Parlament aus.
 
Die letzten Jahre waren sehr qualvoll und tragisch. Es setzte ein k√∂rperlicher Verfall ein. Ben Gurion verlor sein ph√§nomenales Ged√§chtnis. Seine √∂ffentlichen Auftritte waren peinlich. Sein ber√ľhmter ¬ĽMorgenspaziergang¬ę in Sede Boker begann zunehmend f√ľr Touristen eine Attraktion zu werden und eine Gelegenheit den Staatsgr√ľnder zu fotografieren. Zunehmend wurde er l√§cherlich. Der gro√üe alte Mann siechte langsam dahin. Im Oktober 1973, als der Staat, den er gegr√ľndet hatte, w√§hrend des Jom-Kippur-Krieges sich behaupten musste, erlitt er einen Gehirnschlag. Einige Wochen lag er im Koma und wurde am 1. Dezember 1973 durch den Tod, 87-j√§hrig, von seinen Qualen erl√∂st.
 
Noch ist es zu fr√ľh, ein abschlie√üendes Urteil √ľber Ben Gurion zu f√§llen. Er hat keine fest umrissene Lehre entworfen, √§u√üerte sich zu vielen Themen, darunter auch zu Wissenschaft und Philosophie. Er befasste sich zunehmend mit der Bibelinterpretation, wobei er vor allem die √Ąra des Ersten Tempels als die erhabenste in der j√ľdischen Geschichte erachtete. Er sah darin auch eine biblische Kontinuit√§t. Die Israelis k√§mpfen erneut um all das, was gewaltsam durch die Zerst√∂rung des Tempels und Exil unterbrochen wurde. Ja, sie √ľberwinden die Diaspora. Niemals allerdings benutzte er die Bibel im Sinne von Rechtfertigungen weiterer Gebietsanspr√ľche Israels. Intuitiv sp√ľrte er, dass all das, was w√§hrend des Pal√§stinakrieges (1948‚ÄĒ49) erreicht und von dem meisten V√∂lkern der Welt auch anerkannt wurde, das Maximum war. Er pl√§dierte nach dem Sechs-Tage-Krieg f√ľr einen Frieden ohne Annexionen. Er hoffte stets, dass die Araber mit Israel, das er schuf, Frieden schlie√üen w√ľrden, und er wusste auch, dass sein Land den Frieden erst vereinbaren k√∂nnte, wenn es stark sein w√ľrde. Sein ganzes politisches Wirken stand unter diesen Vorzeichen ‚ÄĒ j√ľdische Kraft, feste Infrastruktur, wissenschaftliche Innovation, politische und seelische St√§rke zu schaffen. Neuere Untersuchungen und erschlossene Quellen verdeutlichen, dass Ben Gurion das Araberproblem bewusster war, als gemeinhin angenommen wird. Er strebte nach friedlichem Ausgleich und sah darin auch eine biblische Verpflichtung. Indessen den Frieden zu vereinbaren, war ihm nicht verg√∂nnt.
 
Nachum Orland
 
 
Rafael Gideon: Der umkämpfte Frieden. Die Außenpolitik Israels von Ben Gurion bis Begin. Aus dem Amerikanischen. Frankfurt am Main 1984.
 Martin Gilbert: Israel. A history. London 1998.
¬†Angelika Timm: Israel. Die Geschichte des Staates seit seiner Gr√ľndung. Neuausgabe Bonn 31998.
¬†Michael Krupp: Die Geschichte des Staates Israel. G√ľtersloh 1999.

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Mosche Scharet ‚ÄĒ (hebr√§isch ‚ÄŹ◊ě◊©◊Ē ◊©◊®◊™‚Äé; * 15. Oktober 1894 in Cherson, Ukraine; ‚Ć 7. Juli 1965 in Jerusalem; geboren als Mosche Schertok) war ein israelischer Politiker. Zwischen zwei Amtszeiten von David Ben Gurion war Scharet zwischen 1953 und 1955 der ‚Ķ   Deutsch Wikipedia


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